< Editorial: Findet den McGuffin!
01.05.2014

Hochbegabung in der DDR

Kürzlich fiel mir ein Buch in die Hand: „Kluge Mädchen – Frauen entdecken ihre Hochbegabung“ von Katharina Fietze. In diesem analysiert die Autorin den Werdegang verschiedener Frauen und Mädchen von ihrer Kindheit und Jugend bis hin zum Erwachsensein und dem Feststellen ihrer Hochbegabung in einem Alter jenseits der 30. Diese haben oft ähnliche Probleme, werden vor ähnliche Situationen gestellt und auch die Wege zur Erkenntnis sind oft dieselben.

Nun kennen wir Mensaner/innen bereits eine Menge Literatur zum Entwicklungsweg Hochbegabter, seien es Under-Achiever, Asperger-Autisten, andere oder auch ganz geradlinige Wege. Den meisten Wegen ist gemeinsam, dass die hochbegabte Person in der Regel eine Menge Probleme mit ihrer Umgebung hat, die erst gelöst werden können, wenn sich die Person ihrer Hochbegabung bewusst wird und erkennen kann, dass die primäre Ursache nicht in der Umgebung liegt, sondern in ihr selbst.

Was mich beim Lesen des Buches von K.F. aber berührte, war folgendes: Die Autorin beschreibt hochbegabte Frauen z.B. als „gutgläubig“, nicht im Sinne von Naivität, sondern in dem Sinn, dass sie zu ihren Worten stehen und andere auch beim Wort nehmen. An einer anderen Stelle merkt sie den Drang nach Freiheit der Hochbegabten an.

Und diese Dinge im Hinterkopf fragte ich mich: Wie lebte eigentlich ich selbst als (heute) Hochbegabter damals in der DDR? Weder die Eigenschaften unentdeckter Hochbegabung von Frauen und Mädchen aus dem Buch, noch die bekannten Probleme hochbegabter Kinder kann ich im Nachhinein an mir feststellen. Aber auch den „glatten Weg“ gab es für mich nicht in der DDR, denn der setzt ja voraus, dass eine Hochbegabung erkannt ist.

Nein, für mich war das damals einfach: Jemand war eben gut im Fussball, eine andere hatte ein Talent für Sprachen, Zeichnungen oder Musik und bei mir war es eben Mathematik, Naturwissenschaft, Logik. Ich hatte eine schnelle Auffassungsgabe, was dazu führte, dass ich von den ersten Klassen an bis weit ins Studium hinein meinen Mitschülern/Kommilitonen beim Lernen half, ihnen erklärte, was sie nicht verstanden hatten und dabei gleich selbst den Stoff quasi von allein lernte. Nur war das nichts Besonderes.

Im Sport waren andere besser. Jeder hat eben seine Stärken und Schwächen, und „Vater Staat“ sorgte durch gezielte Förderung dafür, dass aus den einen Olympiasieger werden konnten und die anderen zur Internationalen Matheolympiade fuhren. Okay – bei den meisten dürfte es nicht zum Olympiasieger gereicht haben, und vielleicht war das auch gut so für ihre Gesundheit, wie man heute weiß – und bei mir hat es auch nur einmal zur DDR-Olympiade gereicht, nix mit IMO – schade eigentlich.

Zwischen dem, was uns erzählt wurde und dem, was ich erlebte gab es, zumindest bis zum Abitur keinen Widerspruch. Jedenfalls keinen für mich sichtbaren – und nur das zählt beim Bilden der eigenen Meinung.

Wenn mir jemand erzählen wollte: „Um in der DDR zu Studieren, muss man drei Jahre zur Armee gehen“, konnte ich das aus eigener Erfahrung widerlegen, bzw. mit dem Teilsatz „wenn man nur durchschnittliche Leistungen erbringt“ relativieren – vielleicht eine Auswirkung der Hochbegabung, die ich seinerzeit nicht bemerken konnte. Ich war jedenfalls nach nur anderthalb Jahren Armee bei dem Studium, das ich gewählt hatte, trotz aller Überredungsversuche von Wehrkreiskommando & Gen, mich beim Militär zu halten.

Kurze Zusammenfassung bis hierher: Ich war kein Widerständler, ich war sogar sehr systemkonform. Ich fand die Ziele des Sozialismus in Ordnung, ja, ich stellte diese nicht einmal in Frage, deckten sich bis dahin doch Wort und Erleben. Später gab es auch andere Eindrücke und Erlebnisse in meiner Vergangenheit, die sich – von heute aus betrachtet – durchaus als Folge der Eigenschaften von Hochbegabten erklären lassen. Ich denke, vielleicht lohnt hier ein genaueres Hinsehen.

Ich wünschte mir, es gäbe ein Buch, ähnlich wie das von Katharina Fietze, das sich mit „Hochbegabung in der DDR“ beschäftigt, erst einmal nur für mich. Könnte es auch anderen etwas bringen? Ich denke, ja – es könnte helfen zu verstehen, es könnte Parallelen zeigen zu ähnlichen Gesellschaften, vielleicht (Nord-)Korea oder China. Aber es könnte auch unsere Gesellschaft weiterbringen, denn die Fast-Negierung des Besonderen der Hochbegabung, bzw. jeder Art von Begabung als etwas, das die Menschen zwar unterscheidet, sie aber nicht trennt, ist doch eines der Ziele von Inklusion – jeder ist anders, aber jeder ist einzigartig und wir müssen lernen, miteinander zu leben. So könnten Erfahrungen aus der DDR, kritisch betrachtet, dazu führen, dass Inklusion nicht nur ein Schlagwort bleibt, sondern gelebt werden kann. Nur reichen dazu meine eigenen Erfahrungen nicht aus, weder zur Verallgemeinerung noch zum Weiterdenken und schlussfolgern. Ich denke, wir bräuchten dazu wesentlich mehr Berichte Hochbegabter, die in der DDR gelebt haben, nicht nur ihre Kindheit, sondern auch Jugend und Erwachsenenalter – mit der Zeit dürfte es immer weniger von uns geben.

Auch denke ich, dass viele mit diesem Hintergrund, eben weil Intelligenz in der DDR nichts Besonderes war, gar nichts von ihrer Hochbegabung wissen oder wissen wollen – auch für mich war „Mensa“ als ich Anfang der 90er erstmals davon las, nur ein weiterer dekadenter Elite-Club, vergleichbar mit Rosenkreuzern oder irgendwelchen Esoterik-Vereinen. Dass ich heute dabei bin und versuche, aktiv den Verein mitzugestalten, ist wieder eine neue Geschichte – die vielleicht ein ander Mal erzählt werden wird.

Falls es noch kein MinDDR-Buch gibt, würde ich mich bereit erklären, erst einmal Berichte von und über Hochbegabte oder mutmaßlich Hochbegabte zu sammeln (oder auch nur die Bereitschaft, für ein solches Ziel zu berichten). Ich hoffe, einige von Euch dazu zu bringen, dieses Buch mitzuschreiben, die Fragen zu formulieren, deren Antworten das Typische oder Untypische Hochbegabter in der DDR erkennen lassen, die Fragen, deren Antworten uns auch heute noch etwas bringen oder die dazu beitragen, uns besser zu verstehen. Ihr seid eingeladen, das Buch zu schreiben, das ich gern lesen würde, falls es noch nicht existiert. Wer dabei mitmachen möchte, schreibe eine Mail an mensa@uwe.doetzkies.de.

Uwe