< Homunculus (I) ...und die Erotik
26.09.2017 Von: Uwe Doetzkies

Grenzen überwinden - Done

Dies ist der Titel des diesjährigen Gewinnerfotos im Fotowettbewerb. Das Bild regt zum Nachdenken an, doch in einer eigenartigen Weise. Denn es ist nicht so, dass behinderte Menschen die Grenzen ihrer Behinderung überwinden können, selbst wenn sie es möchten, viel schwieriger ist es, die Behinderung als Teil des Selbsts zu akzeptieren.

Natürlich träumt jemand mit einem Handicap davon, dieses zu überwinden; doch sie/er weiß auch, dass es unwahrscheinlich ist. So hat der Traum den gleichen Stellenwert wie der Traum des Teen­agers vom Pop-Star, der Traum vom Millionen­geschäft des Mitt-Dreißigers oder der Traum von der Verbesserung der Welt des weisen Greisen. Wir haben alle unsere Träume. Mit dem Tag kommt das Erwachen:

Häufig ist es so, dass die Gesellschaft den Menschen mit Behinderungen Grenzen setzt, die es jeden Tag aufs Neue zu überwinden gilt: Bordsteine und Treppenstufen stoppen die Rollis, Dauerbeschallung nimmt Blinden und Sehschwachen die Orientierung und die Lichtverschmutzung durch das ständige Erheischen von Aufmerksamkeit lässt Schwerhörige und Gehörlose die wirklich wichtigen Signale übersehen. Ganz zu Schweigen davon, dass Umsteigevorgänge in Taktfahrplänen ein intaktes Orientierungsvermögen und flinke Füße voraussetzen.

Hingegen findet sich an jedem Berg ein Lift, der sportliche (sic!) Menschen in die Höhe bringt, von der aus sie sich ins gravitativ betriebene Skivergnügen stürzen können. Doch wo ist der Lift für diejenigen, die im Spaßbad liebend gern in die Becken rutschen würden, aber die Treppe nicht erklimmen können?

Menschen sind nicht behindert, Menschen werden behindert, und zwar durch die Gedankenlosigkeit anderer Menschen, die es doch – wir wollen es nicht hoffen, aber es passiert täglich – jederzeit genauso treffen kann.

Ich finde, wir müssen noch viel lernen, lernen, wie unsere Mitmenschen zu denken, zu fühlen, ob behindert oder nicht. Mit unserem Super-IQ stoßen wir doch auch jeden Tag auf‘s Neue an Grenzen. Sind wir nicht auch in gewisser Weise anders als 98 andere?

Lasst uns die Grenzen überwinden, die wir überwinden können, im Leben, im Denken. To Do!

(für das öffentliche Archiv leicht gekürzt)